Bad Füssing. Die Christuskirche war sehr gut besetzt am Reformationstag – es gibt offenbar viele Liebhaber geistlicher Musik unter Einheimischen wie Kurgästen beider Konfessionen. Und so nahmen, gleichwohl der Reformationstag in Bayern kein Feiertag ist, zahlreiche Besucher am frühen Abend die Gelegenheit wahr, in der Christuskirche „Geistliche Musik zum Reformationstag“ quasi am Vorabend zu Allerheiligen, anhören zu können.

Und zwar kamen „Geistliche Lieder und Orgelmusik“ zur Aufführung von Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Antonin Dvorak. Es sang der nicht nur auch in der niederbayerischen Nachbarregion populäre österreichische Tenor Christian Havel. An der Orgel der Christuskirche: dessen gleichfalls Ein Neunjähriger ist der heimliche Star des Abendsbereits renommierter Landsmann aus Ebensee, Roger Sohler, dessen erst neunjähriger Sohn, Marcel während des gesamten Konzerts sich auf der Orgelbank der Notenliteratur zugewandt, da er die Aufgabe des Umblätterers übernommen hatte. Selber – mit neun Jahren – bereits ein erfahrener Pianist und auch an der Orgel geübt garantierte ihm dies die uneingeschränkte Bewunderung und den wiederholten herzlichen Applaus des Auditoriums, das ihn, so eine Besucherin, angesichts seiner Jugend zum „heimlichen Star“ des Abends erkoren hatte. Da solches die Leistung der beiden musikalischen Haupt-Akteure nicht schmälerte, im Gegenteil, schienen sie sich darüber ebenso zu freuen wie die Kirchenbesucher, welche gleichfalls sich nicht minder aufmerksam dem gesprochenen Wort zuwandten: Denn Pfarrer Norbert Stapfer sprach – eingebettet in die Musiken und im Wechsel der Gesänge – liturgische Texte, Psalmen, Bibelworte. Zum Beispiel rezitierte er aus dem Psalm 46, 2-8, wo es um die Zuversicht und Stärke Gottes geht, die furchtlos mache in Nöten. Denn „Eine feste Burg ist unser Gott“, heißt jenes populäre Lied der evangelischen Christenheit, welches da auf diesem Psalm gründe, setzte Pfarrer Stapfer seine Zuhörer in Kenntnis, die dann zu Beginn jenen Choral auch angestimmt im Kirchenrund, nachdem der Pfarrer den Abend eröffnet hatte mit jenen berühmten Worten: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, Jesus Christus“.

Instrumental führte Roger Sohler an der Orgel ein in den Abend mit Johann Sebastian Bach, dem Präludium A-Dur. Man hatte den Altarraum schön geschmückt, mit leuchtenden, farbenfrohen Blumen, und hohe, schlanke Kerzen entzündet. „Schlank“, hell, leicht geführt, geschmeidig, auch die angenehm unprätentiöse Stimme des Tenors, Christian Havel, die, auch in den höheren oder den tieferen Lagen niemals angestrengt klang, niemals gepresst wirkte. Er artikuliert tadellos die schönen Texte der Musikliteratur: z. B Johann Sebastian Bachs vier Gesänge zu Schemellis Musikalischem Gesangbuch, u.a. „Gebet“ und „Abendlied“; – Eine Lesung Pfarrer Norbert Stapfers aus dem Römerbrief, nämlich Gedanken zu „Luthers Entdeckung der Gerechtigkeit Gottes“. Anschließend einZuhörer applaudiert spontan während des Stückswunderbares Orgelsolo: nämlich jener erste und zweite Satz aus der Orgelsonate Nr. 3 A-Dur, dem dem „Andante tranquillo“ wie dem „Con Moto maestoso“. Dieses Orgelstück schien denn in all seiner Wildheit einen Zuhörer dermaßen aus der Fassung gebracht zu haben, dass der mittendrin ganz entzückt zu applaudieren begann.

Um „Luthers Entdeckung der Freiheit des Glaubens“ ging’s auch im fünften Kapitel des Galaterbriefs, welches Pfarrer Stapfer vorlas, bevor er den Abendsegen erteilte. Zuvor hatte das Publikum erst gelauscht, später den Musikern heftig applaudiert. Besonders diejenigen im Publikum, die Dvorak liebten, saßen andächtig während einer Auswahl sogenannter „Biblischer Lieder“, die dieser komponiert hat. Er schrieb sie einst während seiner unglücklichen Zeit in New York, von tiefer Spiritualität getragen, als er unsagbar litt unter dem Heimweh nach der geliebten böhmischen Heimat. Dies alles atmete aus diesen bewegenden Melodien und Texten, so wie sie der Sänger, Christian Havel, in der Christus-Kirche interpretierte.

Marita Pletter